Ich bin eigentlich kein großer Ausgeher. Viel lieber bin ich zuhause, in meinen eigenen vier Wänden. Da kann ich machen, was ich will, bin niemandem Rechenschaft schuldig und hab vor allem meine Ruhe! Ruhe zu haben, ist ganz wichtig. Also, für mich zumindest. Besonders beim Schreiben brauche ich Ruhe, da stört sogar das Ticken einer Uhr und Radio oder überhaupt Musik im Hintergrund geht gar nicht! Manche können erst kreativ werden, wenn Heavy Metal im Hintergrund läuft. Wolfgang Hohlbein zum Beispiel, der hört beim Schreiben Heavy Metal. Könnte ich nicht. Allerdings bin ich auch kein Metal-Fan. Egal. Wo war ich? Ach ja. Nun, jedenfalls hatte ich an dem Abend beschlossen, doch mal wieder rauszugehen. In der Ulmenstraße gab es das sogenannte Literaturhaus, was eigentlich nichts weiter war, als eine alte, renovierte Villa, in der hin und wieder „Symposien“ stattfanden oder auch „Literaturabende“. Da saß dann ein Häuflein eher unbekannter Leute vor einer kleinen, improvisierten Bühne, auf der ein – meistens jedenfalls – ebenso unbekannter Schreiberling irgendwas aus seiner Loseblattsammlung zum Besten gab und dafür artig beklatscht wurde. Es war amüsant, zu beobachten, wie sich das Häuflein Leute furchtbar wichtig vorzukommen schien, während sie den Ergüssen des temporären Bühnenbesatzers lauschten. Wenn ich überhaupt mal in die Ulmenstraße ging, dann auch nur der Unterhaltung wegen und nur, wenn ich sicher war, dass meine Nerven mitspielten.

Als ich ankam, war schon etwa die Hälfte der Plätze besetzt. Das Literaturhaus war so eine Art Verein, dem man beitreten konnte, dafür freien Eintritt hatte und sich am Buffet bedienen konnte. Das Buffet war wirklich lecker! Und mein Kühlschrank an diesem Abend ziemlich leer, aber das nur am Rande. Jedenfalls suchte ich mir einen Platz an einem der Stehtische, die an den Wänden aufgestellt und mit todschicken, schneeweißen, sogenannten Hussen verschönert waren. Was auch vonnöten war, denn darunter waren es nur gebrauchte, billige Stehtische, die irgendeine Knackwurstbude billig bei eBay verscherbelt hatte.

Vor der improvisierten Bühne, die aus drei übereinandergestapelten Europaletten und einem Brett als Deckel bestand, war ein kleiner Disput entbrannt. Eine zierliche, ältere Frau in einem grau-blauen Wollkleid sprach aufgeregt auf den Literaturvereinsvorsitzenden ein und wedelte dabei mit zwei dünnen, weißen Taschenbüchern vor seiner Nase herum. Soweit ich das von meinem Platz aus sehen konnte, waren einige Seiten mit bunten Lesezeichen markiert. Leider bekam ich von dem Gespräch zunächst nur Satzfetzen mit, da zugleich ein Tontechniker sein „Test-Test“ am Lesepult durch den Raum hustete.

„Aber Sie müssen“, hörte ich schließlich die ältere Dame energisch fordern. Der Vorsitzende schüttelte unnachgiebig den Kopf und schien auch ein klein wenig … nunja … angefressen.

„Ich muss zunächst mal gar nichts, verehrte Frau Jahnke“, erklärte er. „Es mag sein, dass Sie diese beiden Bücher verfasst haben, aber wir haben es uns zur Prämisse gemacht … „

„Diese beiden“, fiel ihm sein Gegenüber empört ins Wort. Obwohl, was wirklich empört bei ihr heißt, sollte ich erst noch erfahren. „Diese beiden? Ich habe fast fünfzig Bücher geschrieben! Ich schreibe seit … „

„Das mag ja sein“, unterbrach der Vorsitzende seinerseits. „Aber wir haben uns nun mal dazu entschieden, nur Autoren lesen zu lassen, die in einem Publikumsverlag veröffentlichen und von denen wir uns entsprechendes Renommee erwarten. Verstehen Sie das nicht?“

„ … seit über vierzig Jahren schreibe und veröffentliche ich. Es ist eine Frechheit, dass Sie mir kein Podium bieten wollen. Haben Sie gehört? Eine Frechheit!“

Frau Jahnke hatte offenbar gar nicht zugehört. Der Vorsitzende senkte für einen Moment resigniert den Kopf und sah sich dann im Saal nach Hilfe um, die ihm verwehrt blieb, während Frau Jahnke unentwegt auf ihn einredete.

„Ich bin eine schreibende Frau, habe vierzig Bücher … „

„Eben waren es noch Fünfzig.“

„Habe fünfzig Bücher geschrieben, mehr als die meisten hier zusammen, habe ich mich mit der hiesigen Literatur beschäftigt, ihr meine Zeit geopfert, schreibe im Internet darüber und … „

Ich wollte mich eigentlich schon erbarmen und den bedauernswerten Vorsitzenden mit einem Vorwand am Arm aus dem Saal ziehen, als mir ein anderer zuvor kam und ihm ein Telefon in die Hand drückte. Die Dankbarkeit konnte ich bis an meinen Hussen-Tisch spüren.

Spüren konnte ich auch, dass sich mir an diesem Abend Ärger näherte, nämlich, als Frau Jahnke schnurstracks auf meinen Tisch zukam.

„Guten Abend“, sagte sie schweratmend und knallte ihre beiden Bücher direkt neben meine Schnittchen, die ich vorsichtshalber auf die andere Seite bugsierte, bevor sie am Einband ihrer geistigen Ergüsse noch klebenblieben.

„Hallo“, sagte ich freundlich. Und dann erstmal nichts mehr, weil ich nicht hergekommen war, um Smalltalk zu betreiben. Frau Jahnke ließ ihren finsteren Blick durch den Saal gleiten, der sich zunehmend mit adrett gekleideten Leuten füllte. Irgendwie kam ich mir in meinem schwarzen Sweatshirt mit der Aufschrift EINEN SCHEISS MUSS ICH ein klein wenig underdressed vor.

„Ignoranten“, fauchte Frau Jahnke.

„Bitte“, fragte ich höflich.

„Alles Ignoranten“, wiederholte sie. „Schreiben Sie auch?“

„Ja, doch“, sagte ich. „Allerdings … „

„Sagen Sie nur, Sie lesen heute?“

Frau Jahnke schien einiges zu können. Zuhören und ausreden lassen, gehörte offenbar nicht dazu.

„Um Himmels Willen“, sagte ich. „Das wäre die Hölle für mich. Ich musste einmal als Jugendlicher bei einem Autorenwettbewerb für Schüler vorlesen. In Berlin, 1986. Nie wieder. Ich bin fast gestorben!“

„Sie haben einen Wettbewerb gewonnen?“

„Naja, als Schüler halt. Nichts Ernstes.“

„Ich habe vierzig Bücher geschrieben.“

„Fünfzig.“

„Was?“ Frau Jahnkes Giftpfeile verfehlten mich um Haaresbreite.

„Sie sagte doch, es wären Fünfzig. Dem Vorsitzenden gegenüber. Grade eben.“

„Ignoranten“, zischte Frau Jahnke. Dann schob sie mir eines ihrer Bücher zu und besiegelte mein Schicksal. „Hier, lesen Sie mal!“

„Also, ich … „

„Na na, keine Hemmungen.“ Sie rang sich ein zuversichtliches Lächeln ab und nickte. Ich legte die Essiggurke zur Seite und nahm das Buch in die Hand. Die Fensterputzerin hieß es und handelte von einer einsamen, alleinstehenden Frau, die ihre Erfüllung darin fand, jede ihrer Hausarbeiten minutiös zu planen und ebenso sekundengenau auszuführen. Das Drama bestand darin, dass ein übersehener Wasserfleck in der Spüle zu touretteartigen Schreianfällen führte, worauf stets die Psychologin aus der Etage darunter zu Hilfe eilen und sie wie ein Baby beruhigen musste, indem sie sie unentwegt loben musste, wie schön sie doch die Fenster geputzt hatte. Lob war für die Fensterputzerin ganz, ganz wichtig!

„Oha“, sagte ich, nachdem ich den Klappentext gelesen hatte. „Starker Stoff.“

„Ja, nicht wahr? Ich schreibe gern Ernsthaftes und Gesellschaftskritisches!“

„Bei welchem Verlag sind Sie denn“, fragte ich, weil ich auf dem Buch keinen Hinweis finden konnte.

„Ich habe keinen Verlag“, sagte Frau Jahnke nicht ohne Stolz. „Ich mache alles selbst.“

„Ach so“, sagte ich. „Ich bin auch Hobbyautor. Also Selfpublisher sozusagen.“

„Ich bin keine Hobbyautorin“, zischte Frau Jahnke gefährlich langsam. „Das ist eine Beleidigung, junger Mann!“ Es war wie eine Verwandlung von Jekyll zu Hyde.

„Wieso das denn?“

„Ich bin eine schreibende Frau, die seit fünfzig Jahren … „

„Nicht vierzig …?“

In diesem Moment nahm sie meine Gabel und rammte sie mir mit einem wütenden Schrei in die rechte Hand. Für eine Sekunde war ich geschockt und betrachtete interessiert, wie sich das Ketchup, mit dem ich noch vor einer Minute die Frikadelle garniert hatte, mit meinem hervorquellenden Blut vermischte. Dann kann der Schmerz und ich schrie entsetzt auf. Neben mir begann eine Frau im Abendkleid zu kreischen, ich wirbelte erschrocken herum und besprühte sie dabei mit einem feinen Blutnebel.

„Ich bin keine Hobbyautorin“, schrie Frau Hyde-Jahnke und begann, mit Geschirr in die Menge zu werfen. „Ich bin keine Hobbyautorin!“

Panik kam auf. Ich hielt meine blutende Hand umklammert und bahnte mir verzweifelt einen Weg durch die aufgeregte Menge, die zum Ausgang drängte. Eine Glaskaraffe traf mich am Kopf und ich ging zu Boden, jemand trat auf die Gabel, die in meiner Hand steckte und bog sie um. Der Schmerz war so furchtbar, dass ich ihn eigentlich kaum mehr wahrnahm. Frau Hyde-Jahnke kam mit einem erhobenen Steakmesser vom Buffet auf mich zu, Wahnsinn funkelte in den blutunterlaufenen Augen. Das Messer verfehlte mich nur knapp, allerdings landete es im Hals des armen Vorsitzenden und der Blutschwall aus dessen Arterie verwandelte den Boden in eine rote, schmierige Rutschbahn, auf der die Leute übereinander fielen und sich in der Panik die Knochen brachen, während Frau Hyde-Jahnke wildgeworden auf den Vorsitzenden einstach und ihm dabei sogar ausgesprochen sachlich erklärte, wieso Hobbyautorin eine Demütigung, ja geradezu eine Degradierung für sie darstellte.

„Ich bin seit sechzig Jahren eine schreibende Frau, ich habe vierhundert Bücher veröffentlicht“, greinte sie, während das gezackte Steakmesser Stücke aus dem Literaturvereinsvorsitzenden riss und in die Gegend schleuderte. „Iiiiich biiiiin keeeiiinnneeee Hobbbbbiiieee …“

Und da wurde ich wach.

Meine Hand unverletzt. Mein Kühlschrank immer noch leer. Auf dem Bildschirm vor mir ein Literaturforum im Internet. Warum ich keinen Verlag finde Trauriger Smiley. Letzter Post von Frau J:

Alles Ignoranten!!!

 

 

 

 

 

 

5 Gedanken zu “Albtraum in der Ulmenstraße – Eine Satire aus gegebenem Anlass

  1. Was Sie alles erleben! Aber genau daran kann man wahrscheinlich den Unterschied zwischen Ihrem und meinem Schreiben erkennen.
    Aber Gratulation, daß ich Sie und noch dazu zu so einer langen Geschichte inspirieren konnte.
    Ob Sie es besser können, will ich nicht beurteilen, weil man Äpfel und Birnen ja nicht vergleichen kann und auch Martin Walser nicht mit Friederike Mayröcker oder Loriot mit Sebastian Fitzek.
    Ich muß Sie aber mit meinen vierzig, nein fünfzig Büchern oder sind es schon sechzig, wirklich sehr beeindruckt haben. Vielleicht machen Sie mir es nach, ich bin gespannt!

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    1. Ja, nicht wahr? Bei dem Typen in Ihrer Stipendiatin, der Sie einfach „Hobbyautorin“ nannte (mal ehrlich, wer tut denn sowas, tztz?) musste ich wegen dem hässlichen Pullover spontan an Freddy Krueger aus „Nightmare on Elmstreet“ denken, eine Horrorfilmreihe aus den 80/90ern. Die Geschichte sprang mich draufhin förmlich an!

      Ich glaube übrigens kaum, dass ich Sie mengenmäßig jemals einholen werde. Die nötige Zeit dazu hab ich gar nicht. Siebzig Bücher zeugen schon von einer gewaltigen Schaffenskraft! 🙂

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  2. Das muß auch nicht sein, jeder wie er kann und mag! Ich finde es toll, daß Sie sich als Hobbyautor bezeichnen und gut damit leben, glaube auch, daß Sie abgesehen von Ihren Übertreibungen schreiben können und da denke ich, daß es gar nicht die Kunst des Schreiben sein muß, immer im Negativsten aufzutrumpfen!
    Deshalb wundert es mich, daß Sie mich immer irgendwie schreiend und tobend zu erleben scheinen, nur weil ich sage, ich schreibe seit vierzig Jahren und habe schon über vierzig Bücher!
    Was ärgert Sie daran und warum halten Sie das nicht aus und schütteln einfach den Kopf und sagen „Ich mache es anders!“?
    Wenn Sie das wollen, können Sie das auch, nur müßen Sie dann daran bleiben und beispielsweise regelmäßig schreiben.
    Wenn Sie das nicht tun, machen Sie halt etwas anderes!
    An der Menge ist nichts Schlechtes! Ich habe mich jetzt im Urlaub ein bißchen mit Martin Walser beschäftigt,den hole ich mengenmäßig noch lange nicht ein und ein anderer schreibt ein Leben lang an einem einzigen Buch, was auch in Ordnung ist und mich weder das eine noch das andere ärgert!

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